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Stille – Das Tor zum Universum 2017-05-18T21:04:40+00:00

Stille in der Meditation – Das Tor zum Universum

Meditation ist die immer neue Versöhnung von Seele und Geist.
Hermann Hesse

Beim Meditieren wird man kaum je echte Stille erfahren, solange man Zuhause oder in einer Gruppe meditiert. Überall sind Geräusche, die einen ablenken. Nicht jedoch im sogenannten „Dark Retreat“. Es geht dabei um eine Praxis fortgeschrittener Meditierender, die im Taoismus und in manchen Schulen des Tibetischen Buddhismus bekannt ist. Auch die Nyingmapa-Buddhisten haben diese Technik innerhalb der Dzogchen-Linie verfolgt. Selbst im Hridaya Yoga sind Dark Retreats bekannt. Es geht also um eine elementare Erfahrung, die man in verschiedenen spirituellen Kontexten machen kann. Endlose Tunnelgänge in den Pyramiden oder tiefe Höhlen in einem Berg können einem diese Erfahrung auch vermitteln.

 

Worum geht es beim Dark Retreat?

Vollkommene Dunkelheit und StilleBei Dark Retreat geht es um einen längeren Meditations-Aufenthalt in einem Raum, der vollkommen dunkel und still ist. Ohne jede optische Stimulation und ohne den üblichen Geräuschpegel kann der Meditierende Erfahrungen machen, die ihm anders nicht zugänglich sind. Für die meisten Menschen ist die Vorstellung, im Dunkeln und in absoluter Stille zu verharren, ein Schreckensszenario. Diese Situation konfrontiert manchen mit Urängsten. Sie kann klaustrophobisch sein, wenn man nicht gut darauf vorbereitet wurde. Ohne ausreichende spirituelle Führung dürfen nicht einmal fortgeschrittene Meditierende diese Praxis ausführen.

Meditierende, die diese Form der Meditation praktiziert haben, erleben das sogenannte „Prisoners Cinema“, eine Art inneres Kino. Es wird auch von Menschen erlebt, die über längere Zeit in dunklen Isolations- oder Einzelzellen eingekerkert waren. In der vollkommenen Stille und der Abwesenheit von Farben oder Licht flutet sich der Geist mit inneren Bildern und mit Licht. Die Zeitspanne, in der man sich dieser allumfassenden Stille und Lichtlosigkeit aussetzt, kann unterschiedlich lang sein. Dark Retreats von fortgeschrittenen Meditierende können zwischen einigen Stunden und mehreren Jahrzehnten dauern. Man sagt, dass diese Praxis unerlässlich ist, um sich angstfrei durch das Bardo des Todes zu bewegen. Außerdem verhilft es einem dazu, den Regenbogenkörper zu realisieren.

 

Was erlebt der Adept in der Stille?

In der Stille und Lichtlosigkeit einer einsamen Himalaja-Höhle bleibt einem nichts anderes übrig, als nach innen zu gehen, in die verschiedenen Stufen der Versenkung. Das Zeitgefühl schwindet. Die üblicherweise angesprochenen Sinne bekommen kein Futter mehr. Es bedarf eines stabilen seelischen und geistigen Zustandes, um in absoluter Stille und Dunkelheit nicht in Panik zu verfallen. Viele tibetische Lamas wie Dilgo Kyentse sind bekannt dafür, bedeutende Zeitspannen in absoluter Stille und Dunkelheit verbracht zu haben. In den Büchern zum Dark Retreat von Martin Lowenthal, Saskia John, Carrie Klees oder Mantak Chia wird ausfühlich geschildert, was man erlebt. Auch auf YouTube finden sich zahlreiche Testimonials. Der interessante Punkt am Dark Retreat ist, dass einem in Stille und Dunkelheit jede Identifikation mit dem genommen wird, was man sonst als sein „ICH“ begreift.

Anfangs kämpfen Retreat-Neulinge vermutlich mit Erwartungen und Ängsten, dann mit Gedankenschleifen. Irgendwann muss man all das loslassen. Die Fokussierung auf die Meditationspraxis macht einem begreiflich, dass es kein eigenständiges Ich gibt und dass das Bewusstsein mehr Tiefe und Weite hat, als man wahrnimmt. Die Sinneswahrnehmungen werden intensiver und vertiefen sich. Zu Beginn schläft man möglicherweise viel. Man entspannt seinen Geist einfach. Ein entspannter Geist ist oft auch ein angstloser Geist, der urteilslos das wahrnimmt, was ist. Zwischen den Meditationssitzungen kann man sich mit Stretching und Yogaübungen entspannen. Ziel des Ganzen ist, sich abseits jeder Ablenkung in vollkommener Entspannung auf das zu fokussieren, was wirklich wichtig ist: seine Spiritualität. Sie ermöglicht die Rückverbindung mit Gott im Christentum. Für die Buddhisten ist es das Spüren und Verbinden mit der eigenen Buddhanatur.

 

Visionen und Lichterlebnisse

Meditieren im Licht oder der DunkelheitDas undurchdringliche Dunkel hat nach einer Weile keinen Schrecken mehr. Die Stille wird bei entsprechender Vorbereitung eher als wohltuend wahrgenommen. Man wird sich des üblicherweise ablenkenden Lärmpegels um einen herum bewusst. Viele Meditierende, die bereits Erfahrungen mit dem Dark Retreat gemacht haben, berichten von Lichterlebnissen und Visionen. Sie sehen bruchstückhafte innere Filme, haben flashartige Naturerlebnisse, sehen Regenbogen oder Mandalas, die sie mit ihren buddhistischen Meditationslehrern verbinden. Berichte von Klängen oder Gerüchen, die man noch nie vorher erlebt hat, sind im Netz zu finden.

Die Befürchtung, man würde mit Todesängsten, Panikattacken oder Langeweile konfrontiert, bewahrheitet sich für die meisten Meditierenden nicht. Stattdessen erfährt man, dass man in einem entspannten Geisteszustand klar und offen für das ist, was ist – ohne jede Erwartung, ohne Projektion oder Interpretation. Außerdem hat man ablenkungsfrei Gelegenheit, das Wirken des eigenen Geistes zu erfahren. Nichts, was man denkt oder fühlt, wird von außen beeinflusst. Der Sinn des Dark Retreats ist es, über den eigenen Geist hinauszusehen und Verbindung zu allem dahinter Liegenden aufzunehmen. Die spirituelle Dimension ist in uns nur selten verfügbar, weil sie ständig von anderem überlagert wird. Man sollte beim ersten Retreat allerdings nicht die große Erleuchtung oder eine spirituelle Eingebung erwarten, die einen ins Nirwana katapultiert. Es ist mehr eine erweiterte Art des Bewusstseins, die man aus einem Dark Retreat mitnehmen kann. Die spirituelle Dimension oder die Buddhanatur sind immer da. Wir verbinden uns aber oft nicht mit ihr, weil unser Geist mit tausend anderen Dingen beschäftigt ist. Die Erfahrung eines Dark Retreats kann daher kostbar sein, weil sie Meditationsschülern die Möglichkeit zur „Reconnection“, zur Rückverbindung mit dem gibt, was Christen „Gott“ und Buddhisten „die wahre Natur des Geistes“ nennen.

Die begriffliche Unterscheidung in „Gott“ oder „die wahre Natur des Geistes“ spielt jedoch keine Rolle. Gemeint ist immer dasselbe, in jeder religiösen oder spirituellen Tradition. Alle Begrifflichkeiten stellen lediglich unser menschlichen Bedürfnis dar, alles kategorisieren, erklären und benennen zu wollen. Der spirituelle Bereich des Lebens ist jedem jederzeit zugänglich. Sich gelegentlich in Stille und Dunkelheit mit dem eigenen Geist zu befassen und letztendlich darüber hinaus zu gehen, kann sehr unterstützend und befreiend sein. Es nimmt einem bei mehrfacher Praxis auch die Angst vor dem Bardo des Sterbens und dem eigentlichen Tod. An seiner Erleuchtung zu arbeiten, ist ohnehin ein lebenslang dauerndes Projekt.