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Dunkelretreat – was bringt das? 2017-05-18T21:04:40+00:00

Dunkelretreat – was bringt der Rückzug in die Dunkelheit?

Suche Stunden der Sammlung, damit die Seele zu dir sprechen kann.
(Albert Schweitzer)

Sich für einen gewissen Zeitraum in die Abgeschiedenheit des absoluten Dunkels und der bedingungslosen Stille zurückzuziehen, stellt eine hochsensible und uralte Meditationsform dar. Zunehmend wird sie an die Welt des modernen Menschen angepasst. Die bei dieser Meditation angestrebte ganzheitliche Ruhigstellung von Körper, Seele und Geist soll durch völlige Dunkelheit, keinerlei Anwesenheit Dritter und den Verzicht auf Musik erzielt werden. Auch Zeit soll für die Dauer des Rückzugs keine Rolle mehr spielen und gänzlich aus dem Bewusstsein gelöscht werden. Ein Dunkelretreat wird abhängig vom für den Einzelnen relevanten Kulturkreis auch als „Shortcut zur Erleuchtung“, als Dunkeltherapie oder Dunkelyoga bezeichnet. Je nach individueller physischer und mentaler Verfassung zum Zeitpunkt der Meditation und abhängig von der persönlichen Glaubensausrichtung reicht die Erfahrung von bedingungsloser Selbstfindung über das Auflösen zerstörerischer Verhaltensmuster bis hin zu überwältigenden transzendentalen Erfahrungen.

 

Über zwei Jahrtausende spirituelle Entwicklung

Darkretreat beim BuddismusDer Dunkelretreat ist nicht etwa die moderne Erfindung geschäftstüchtiger „Esoterik-Freaks“! Schon durch zwei Jahrtausende hindurch hat der sinnsuchende, philosophisch wie religiös fragende Mensch offensichtlich den Weg ins Dunkel gewählt, um das Licht der Erkenntnis auf ihm zu finden! Ihren Ursprung findet diese Praxis in asiatischen Hochreligionen wie dem tibetischen Buddhismus oder dem Taoismus, doch auch in heidnischen, muslimischen und christlichen Traditionen kennt man diese Meditationsform. In schriftlichen Quellen wird zurück bis zum ersten Jahrhundert v. Chr. über vergleichbare Ansätze zur Selbstfindung berichtet. Bei der Beschreibung der körperlichen Begleiterscheinungen geraten in der modernen Diskussion oftmals Paradigmen wie z. B. der „Prisoner´s Cinema“-Effekt vorrangig in den Fokus der Betrachtung, um durch die Gesetze der Naturwissenschaften und der modernen Medizin Erklärungen anzubieten. Die während des Aufenthalts in der Dunkelheit möglicherweise auftretenden physisch-psychologischen Phänomene erklären, warum Priester und Mönche der tradierten asiatischen Religionen bis heute die Anwesenheit einer erfahrenen und mental in sich ruhenden Begleitperson während der aktiven Meditationsphase empfehlen.

 

Wie wirkt sich das Dunkel auf Körper, Geist und Seele aus?

Betrachtet man als irdische Hülle für Geist und Seele den Körper, wird verständlich, warum alle Erklärungsversuche über die Wirkung dieser Meditationsform hier zunächst ihren Ausgang nehmen müssen. Menschen, die längere Zeit im Dunklen verbringen – freiwillig oder unter Zwang – berichten im Nachhinein oft von Vorfällen, die unter das sogenannte „Prisoner´s-Cinema“-Phänomen fallen. Hierunter versteht man u.a. optische Erscheinungen (optische Täuschungen) wie das Auftreten von „Sternchensehen“ oder Lichtblitzen trotz absoluter Dunkelheit. Meditationsanhänger sprechen hier einfach vom „Licht“. Welche Wahrnehmungen bei außergewöhnlichen Belastungen in der Dunkelheit, oder generell beim Fokussieren auf für das menschliche Auge nicht mehr unterscheidbare Strukturen entstehen, beschreibt auch der „Ganzfeldeffekt:“

Innerhalb der von dem Forscher Ganzfeld zu Beginn des 20. Jahrhunderts geführten Untersuchungen zur Augenheilkunde und ihrer historischen Entwicklung stieß er bei der Beschäftigung mit diversen Krankheitsbildern auf Aufzeichnungen aus der Antike. Darin wurde von Meisterschülern des Philosophen und Mathematikers Pythagoras berichtet, die sich in dunkle Käfige sperren ließen, um dadurch ihre Visions- und Meditationskraft zu stärken! Die dabei erfahrenen Sehphänomene nach längerem Aufenthalt in der Dunkelheit, interpretierten sie als die Verstärkung ihrer visionären Kräfte.

 

„Nur“ die Irritationen eines gestressten Körpers oder physische Anzeichen für ganzheitliche Erleuchtung?

Lichtblitze im DunkelraumSicherlich lassen sich auf medizinischer Basis heute 1001 gute Erklärungen finden, warum der Rückzug ins Dunkelretreat physisch-psychologisch indizierte Ausnahmezustände hervorrufen kann. Und Kritiker mögen an dieser Stelle nicht ohne bissige Ironie von „simpler, weil gewollter Einbildung“ aufgrund drogenähnlicher Erlebnisse, hier ausgelöst durch angstbesetzte Extremerfahrungen wie beispielsweise Nahtoderlebnisse oder Angst vor drohender Gewalt sprechen. Anhänger des Dunkelretreat vertrauen jedoch, dass in dieser Meditation der Schlüssel zu wahrer „Erleuchtung“ liegt, was immer das auch für den Einzelnen bedeuten mag. Denn erst durch den bedingungslosen Aufenthalt im Dunklen wird, so die Lehre wie die Erfahrung von Praktizierenden, das wahre Licht sichtbar, das uns führen, lenken und in tiefen seelischen wie anderen Wunden heilend sein kann. Durch dieses scheinbare Oxymoron entwickelt der Meditierende seine ganzheitliche Kraft neu, respektive, baut sie immer weiter aus. So wird die Dunkelheit zu einer heilenden Kraft, die noch mehr vermag als nur das Individuum zu schützen, nämlich u. U. die ganze Welt..

 

Was berichten Menschen, die mit der Erfahrung dieser Meditation in Berührung gekommen sind?

Die öffentliche Diskussion, die aktuell hauptsächlich im Internet, sekundär aber auch in Druckerzeugnissen zwischen Therapeuten, Meditierenden und in irgendeiner Form Suchenden angewandten Praxis stattfindet, spiegelt deutlich eine pluralistische gesellschaftliche Haltung wider. Wer sich selbst aktiv und positiv zum Thema zu Wort meldet, gehört in der Regel zu denen, die persönlich diese Meditationsform durchführten, positiv erlebten oder sie als Lehrende in der Praxis weitervermitteln. Im Gegensatz dazu äußern sich verständlicherweise Kritiker und Menschen, die in geleiteten Meditationen oder in speziell angebotenen Kurz-Urlauben für diesen Anlass scheiterten. Aber es beteiligen sich auch Menschen, die als Rezipienten lediglich Erfahrungsberichte verfolgt haben und diese nun zum Zeitvertreib spekulativ diskutieren – ohne praktisch relevanten Einblick in die Materie zu besitzen.

 

Die Angst vor dem Dunkel und dem Gottlosen gegen die Erfahrung der Regeneration

Gerade bei der zuletzt genannten Gruppe wird deutlich, dass viele Menschen Dunkelheit und Stille zu allererst mit Langeweile assoziieren. In zweiter Linie gerät die Wertung noch negativer, nämlich mit der Auffassung, dass Dunkelheit gleichzusetzen sei mit Gefangenschaft, unter Zwang zu geraten, gefoltert und bestraft zu werden. Keinesfalls aber wird Dunkelretreat als eine effektive Methode gesehen, um auf freiwilliger Basis zu sich selbst und innerem Frieden zu finden! Hier siegen stattdessen die oftmals profanen Ideen darüber, was uns im Alltag „guttun“ und von unseren Problemen ablenken könnte: sich einen besonderen kulinarischen Genuss, eine spannende Lektüre, freizügigen uneingeschränkten Konsum all der Produkte, die wir für unverzichtbar halten, zu leisten. Dass jedoch selbstgewählter Verzicht mehr wahre innere Ruhe und Freiheit als die Zwänge und Nöte eines uneingeschränkten Konsums (z. B. Armut, Hunger, Kriege, Zerstörung der Ressourcen etc.) erfüllen könnte, fällt vielen Menschen schwer zu erfassen

Dunkelretreat zur HeilungWer hingegen schon einmal die Helligkeit, dazu die Heilung an Körper UND Seele, das absolute Wohlbefinden im Geborgensein und der Sicherheit des „dunklen Raums“ erfahren durfte, ordnet und bewertet die Dinge des Lebens neu.

An Brisanz gewinnt in der öffentlichen Diskussion die ewige Kritik der Beobachter, die einen „Shortcut zur Erleuchtung“ nicht anders als durch klare Bindung an die kirchlichen Strukturen gelten lassen wollen. So kritisieren fundamentale Christen ein Dunkelretreat oder ein Dunkelyoga gar als Verstoß gegen die Gebote des Evangeliums. Auch radikal-militante Vertreter der katholischen Kirche warnen im Kontext des Dunkelretreat vor einer „tao-hindu-buddhistischen” und dem christlichen Glauben abträglichen „Mixtur“. Erfahrene Meditierende berichten hingegen oft, dass das wiederholte Dunkelretreat kontinuierlich das Selbstvertrauen und die Zufriedenheit im Alltag steigert, sobald die Konfrontation mit sich selbst im dunklen Raum einmal ungestört stattfinden konnte. Sie argumentieren, dass es in einer Welt der uns ständig überflutenden äußeren Reize sehr schwerfalle, auf Dauer in sich selbst verwurzelt zu bleiben.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist auch immer wieder die heilende Wirkung. Die Leere an Gedanken und Gefühlen, die sich nach einiger Zeit im Dunkel einstellen kann, beschreiben viele Menschen als einen Quell neuer Liebe zu sich selbst, als neu aufkeimende Dankbarkeit für die eigene Existenz und neue Lebenskraft. Vielleicht zeigt diese Erfahrung im Umkehrschluss deutlich, wie ständige Überforderung den Menschen zerstört. Jemand, der keine wahren Freiräume mehr kennt und nutzen darf, sondern nur in den vorgegebenen Grenzen einer auf Funktion programmierten Gesellschaft agieren muss, geht zwangsläufig zu Grunde –an Körper, Geist und Seele!

Der Dunkelretreat, so preisen ihn seine Anhänger, das befürchten seine Gegner, bietet dem Menschen ein Refugium zum wahren Transzendieren. So kann er mit seinem wahren Selbst in Kontakt treten, einer Grundvoraussetzung für Selbstverwirklichung und Verständnis für sich selbst.